Stottertherapie: Beispiel Wursttheke die Erste

ein misslungener Selbsthilfeversuch

Es ist keine Schande, Fehler zumachen. Es ist aber eine Schade, die gleichen Fehler immer wieder zu machen.

Damit dies nicht passiert, ist es gut, sich Fehler genau anzusehen. Wenn man weiss, welcher Weg in die Sackgasse führt, sollte man diesen Weg nicht unbedingt erneut gehen, sondern früh genug eine andere Richtung einschlagen. Dabei kann es nützlich sein, sich eine ausführliche Landkarte zu besorgen oder sich von einem sachkundigen Begleiter führen zu lassen. Genau das ist der Sinn von Therapie und - in etwas abgewandelter Form - auch von Selbsthilfe. Eine solche "Landkarte" soll dieses Beispiel vermitteln. Es zeigt in der ersten Form einen misslungenen und in der zweiten einen gelungenen Selbsthilfeversuch.

Es wird eine konkrete Situation in einer Super-Zeitlupe dargestellt, so wie ein Stotterer sie beispielhaft schildern könnte, wenn er gelernt hat, sich selbst wahrzunehmen bzw. die Situation im nachhinein aufzuarbeiten. Dabei werden einige Elemente der Therapie vorgestellt, die das psychologische Umfeld der Stottertherapie betreffen. Die konkrete Arbeit am Stottern selbst (Sprechmethode, Verflüssigung des Stotterns nach van Riper oder Ähnliches) ist dabei zunächst nicht von Bedeutung.

Ich will gerade etwas Aufschnitt für mein Abendessen kaufen. Ich gehe in den Supermarkt und führe folgenden inneren Dialog: geh ich an die Selbstbedienungstheke mit der abgepackten Ware oder doch besser zur Frischwurst-Theke? An der Selbstbedienung erspare ich mir das Sprechen. Frischwurst schmeckt besser. Dafür werde ich stottern. Soll ich es wagen? Ich will es mal probieren und stelle mich in die Schlange vor der Theke. 

1. ich will Wurst kaufen:

Verhaltensebene

Erklärung

  • ich sehe eine lange Schlange an der Wursttheke und erinnere mich an die schrecklichen Wartezeiten, in denen die Angst hoch steigt.
keine Einschätzung des "Schwierigkeitsgrades der Situation" in einer Angsthierarchie im Sinne einer "systematischen Desensibilisierung" mit entsprechender Planung 
  • ich spüre innere Widerstände, Angst
  • Indianer kennen keinen Schmerz, ich will mir keine Schwäche zugestehen
keine Hinwendung zum Problem mit entsprechender Lösungsorientierung, sondern eher Verdrängungsmechanismen
  • ich mache diese Situation nicht zu einer "Übungssituation" mit klarer Einschätzung: "in welcher Klasse bin ich, was kommt an Lernstoff auf mich zu, was kann ich",
  • gehe nicht auf meine Ängste ein,
  • sorge nicht für angemessene Startbedingungen,
  • überprüfe nicht die Verfügbarkeit meiner gelernten Therapiemethode
  • "Augen zu und durch"
  • ungünstige Bedingungen für "Lernen am Erfolg"

Verhalten wie ein Schüler in der 4 Klasse, der gerade das Einmaleins beherrscht und glaubt, er könne sich an die "höhere Mathematik" herantrauen. Nützlicher wäre ein systematischer Aufbau der Fähigkeiten und - übertragen auf das Stottern - die Erkenntnis, dass die Bewältigung des Stotterns Fachwissen und Erfahrung und eine systematische Vorgehensweise erfordert - nach dem Motto:
Selbsthilfe geht nicht von selbst.

2. ich stehe in der Schlange

Verhaltensebene

Erklärung

  • körperliche Reaktion:
    Alarmbereitschaft: Muskeln spannen sich an, Kreislauf wird aktiviert, Hormonspiegel steigt
Stressreaktionen als bedingte Reflexe (respondente Konditionierung) erschweren die konstruktive Problembewältigung
  • gefühlsmäßiges Erleben:
    Angst, Bedrohung, unangenehme Enge im Körper mit zunehmender Erregung und Anspannung, Bedürfnis nach Flucht vor der Situation oder Verminderung des unangenehmen Erlebens "die Leberwurst kaufe ich hier, den Schinken an der Selbstbedienung". 
  • kognitive Streßreaktion:
    Konzentration auf den "Gefahrenpunkt", die Verkäuferin wird zum bedrohlichen Feind, das attraktive Sonderangebot, der attraktive Nachbar, die attraktive Nachbarin in der Schlange werden gar nicht registriert, die Gedanken werden konfus 
  • kognitive Bewertung und Selbstinstruktion:
    alle beobachten mich
    ich darf nicht stottern
    wenn ich stottere, wird es fürchterlich werden
    Stottern ist schrecklich
irrationale Einstellungen und Bewertungen der Situation führen zu weiterer Steigerung der Stressreaktionen 
  • Lösungsstrategien
    ich stelle mich so hin, dass ich auf die Leberwurst zeigen kann
    vielleicht sollte ich mal das anwenden, was ich in der Therapie gelernt habe
Vermeidungsstrategien

Auch die Therapiemethode wird in diesem Fall zur Vermeidungsstrategie, um nicht zu stottern. Dies ist kontraproduktiv, weil dadurch die Angst vor dem Stottern weiter aufrechterhalten (negativ verstärkt) wird!!

3. ich bestelle:

Das Ziel wäre: "Bitte ein Viertel Pfund Leberwurst"

Gesprochen wird: "eh... bitte a__(schnipp)ein Viertel  L_____(schnipp)Leberwurst"

Verhaltensebene

Erklärung

  • Ich merke, wie die Verkäuferin mich anblickt und sagt freundlich: "Guten Tag, Sie möchten?"
  • Ich spüre bei mir Panik aufkommen
 
  • Das "Bitte klappt sicher nicht! Wie fange ich an?
  • "eh...Bitte
eine Starthilfe zur Vermeidung des BBBB
hat ja gut geklappt.. der Anfang ist gemacht ...
Die Starthilfe wird sofort belohnt dadurch, dass ich weiter gekommen bin. Nächstes mal fange ich gleich so an.
  • Das "ein" klappt sicher nicht. Wie war das noch in die Therapie? Ich versuche es:
  • "aaa__..  geht nicht ...Stress!!
  • ich greife auf mein altes Schnippen mit den Fingern zurück: 
  • "schnipp_ein"
  • Da war wieder dieses blöde Stottern" Schrecklich! Jetzt wissen es alle, daß ich ein Stotterer bin! Wie furchtbar peinlich!
Die Therapiemethode ist nicht ausreichend verfügbar und versagt. Es werden die alten Muster aktiviert und "erfolgreich" angewendet, um der bedrohlichen Situation zu entfliehen. Das Schnippen führt zu einem "Symptomgewinn", indem es die unangenehme Situation abkürzt, beendet (= negative Verstärkung).

Negative Bewertung der Situation

  • schnell weiter, entstandene Pause aufholen, gleich rein in Leberwurst
  • "LL" klappt nicht, gleich wieder Schnippen
  • "(schnipp)Leberwurst bitte"
Die Bewertung der Situation erlaubt keinen Versuch, die Erfahrungen aus der Therapie erneut anzuwenden. Er ist eine Weichenstellung in "mehr Stottern" erfolgt. Das zweite Schnippen ist stärker als das erste. 
Der Stresspegel hat seine Obergrenze erreicht. Die ganze Zeit war ich auf die Bewältigung meiner Stotterblockaden konzentriert und habe kaum etwas von dem wahrgenommen, was um mich herum passiert ist. Den Blickkontakt zur Verkäuferin konnte ich nicht halten, ihre Reaktion auf mein Stottern nicht wahrnehmen. Ich bin froh, dass ich meinen Satz rausgekriegt habe, nicke bei dem "Darf es etwas mehr sein?" lediglich zustimmend und verlasse mit hochrotem Kopf die Theke. Die Erfahrungen aus meiner Therapie erlebe ich für mich als wenig nützlich. Es war eher ein Misserfolg. Anscheinend bin ich ein ewiger Versager. Die beste Therapie kann mir nicht helfen. Ich bin meinem Stottern hilflos ausgeliefert. Ich werde mein Schnippen wohl weiterhin anwenden - auch, wenn ich dadurch auffalle.

Es ist schön, dass ich die Möglichkeit habe, unangenehme Dinge zu verdrängen. Dadurch sind die unangenehmen Empfindungen schnell beseitigt und meine Stimmung wird wieder ausgeglichen oder sogar fröhlich, wenn ich an das gute Abendessen denke, das ich gleich haben werde. Der Nachteil ist allerdings, dass es mir dadurch weniger möglich ist, aus diesen Erfahrungen zu lernen und etwas langfristig besser zu machen. Wie das aussehen könnte, zeigt das positive Beispiel Wursttheke die Zweite.