Hans-Werner Stecker:

Therapie - eine Überlegung wert?


Der folgende Beitrag wurde erstmals veröffentlicht 1986 im Therapieratgeber des Demosthenes Instituts der Bundesvereinigung Stotterer Selbsthilfe und ist erneut erschienen in:
Horst M Oertle: Therapie des Stotterns – Ein Ratgeber. Demosthenes Verlag der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V., Köln, 1998  Er betrifft die Therapie des Stotterns und ist als Entscheidungshilfe für Betroffene gedacht.

Was hier auf das Stottern bezogen ist, lässt sich in vielen Punkten auch auf andere Problemfelder  übertragen.

Inhalt:

1. Therapie - eine Dienstleistung?

2. Therapie - warum gerade jetzt?

3. Therapie - kann ich mir das leisten?

4. Therapie - wie weit will ich Veränderung?

a) Veränderung des Sprechverhaltens

b) Veränderung des Sozialverhaltens

5. Therapie - wie erhalte ich meinen Erfolgswillen?

6. Literatur

zum Autor


Gerade unter den erwachsenen Stotternden blicken sehr viele auf eine umfangreiche Therapiekarriere zurück: Sie haben die verschiedensten Versuche unternommen, ihr Stottern loszuwerden und sind dabei nicht zu dem Ziel gekommen, das sie sich selbst vorgestellt haben oder das ihnen von ihren Therapeuten - sicher oft in guter Absicht - in Aussicht gestellt wurde. Vor jedem Einstieg in eine Therapie stehen große Hürden: soll ich, soll ich nicht.. Ist die Entscheidung für die Therapie gefallen, sind die Erwartungen an einen Erfolg entsprechend groß. Wird die Therapie dann als Mißerfolg erlebt, empfindet das der/die Stotternde *2 sehr häufig als eigenes Versagen. Viele resignieren daraufhin und sind davon überzeugt, daß ihnen nicht mehr zu helfen ist.

Sitzt man mitten drin im Scherbenhaufen, fällt es einem sicher schwer, einen Mißerfolg als Erfahrung zu verbuchen und daraus zu lernen, wie es in Zukunft vielleicht besser gelingen kann. Mit ein wenig Abstand betrachtet lassen sich aber eher Linien oder Strukturen erkennen und zu einem Bild zusammenfügen. So wird dann im nachhinein oft deutlich, daß der Mißerfolg einer Therapie im Grunde schon vorprogrammiert war. Macht man sich dies klar, dann kann man zwar ärgerlich darüber werden, daß einem das nicht schon vorher aufgefallen ist. Es bedeutet aber gleichzeitig, daß es keinen Grund gibt, weiterhin zu resignieren, wenn man die Bedingungen ändern kann, die zu dem Mißerfolg geführt haben.

Dies ist jedoch leichter gesagt als getan. Wie Paul Watzlawick in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ (S. 27f, siehe Literatur)  beschreibt, neigen wir Menschen dazu, immer „mehr desselben“ zu tun, durch immer dieselben Verhaltensweisen in immer dieselben Sackgassen zu laufen. Bedingungen verändern können setzt voraus, daß man sich ihrer bewußt wird. Aus diesem Gedanken heraus möchte ich Sie einladen, ihre bisherigen Bemühungen um eine Veränderung Ihres Stotterns erneut zu betrachten und sich selbst anhand einiger Fragen ein neues Bild davon zu machen, wie eine künftige Therapie für Sie aussehen könnte.

1. Therapie - eine Dienstleistung?

Wenn Sie an Ihre letzte Therapie (oder an Ihren letzten längeren Arztbesuch) zurückdenken: Was bedeutet es eigentlich für Sie, ein „Klient“ bzw. „Patient“ zu sein, einem „Therapeuten“ gegenüberzusitzen und eine „Therapie“ zu machen? Wenn Sie sich diese Situation noch einmal vergegenwärtigen: Wie sehen Sie sich selbst in dieser Situation, mit welcher Haltung sitzen Sie da, mit welcher Stimme hören Sie sich sprechen, was empfinden Sie dabei - und wie erleben Sie demgegenüber Ihren Therapeuten? Nehmen Sie sich ruhig etwas Zeit, Ihre ganz persönlichen Eindrücke und Gedanken deutlich werden zu lassen, sie nach Möglichkeit sogar aufzuschreiben, um sich dann die Frage zu stellen:

Mit welcher Einstellung bin ich bisher in meine Therapie gegangen?
In welcher Weise war meine Einstellung zur Therapie für deren Verlauf und den späteren Erfolg nützlich oder hinderlich?

Betrachten wir uns ruhig etwas eingehender, was Sie persönlich mit dem Wort „Therapie“ verbinden. Da Sie einen Therapieratgeber in der Hand haben, gehe ich davon aus, daß Sie sich hinsichtlich einer Therapie beraten lassen wollen. Ich betone dies hier, weil das eigentlich etwas Außergewöhnlich ist. Sicher, wer heute z.B. eine Urlaubsreise buchen will, nimmt auch nicht gleich das erste Beste, das ihm angeboten wird, sondern informiert sich auf vielfältige Weise und möglichst an neutraler Stelle. Ähnlich ist es bei anderen Dienstleistungen von der Autoreparatur über Versicherungen bis hin zum Architekten, mit dem zusammen man ein Haus bauen will. Preise und Leistungen sind häufig sehr unterschiedlich und für einen Laien oft schwer zu durchschauen.

Aber läßt sich das vergleichen? Ist auch Therapie als eine Dienstleistung zu verstehen? Wenn man hinsichtlich seines Urlaubs bestimmte Vorstellungen hat und einigermaßen sicher gehen will, am Ende auch das zu bekommen, was man sich vorstellt, dann ist es sicher notwendig, sich bei der Planung und Auswahl seiner Urlaubsreise einige Gedanken zu machen. Ist diese Vorgehensweise aber sinnvoll, wenn ich eine Therapie machen will? Ist es notwendig, sich auch hier eine Marktübersicht über die verschiedenen Therapieangebote zu verschaffen?

Es gibt da doch einen gewaltigen Unterschied: In Urlaub fährt man, weil man Spaß haben will, und Therapie macht man, weil man leidet. Und wer leidet, der sollte schließlich froh sein, wenn jemand für ihn da ist, der ihm helfen will. Wer leidet und dringend Hilfe benötigt, der ergreift die helfende Hand und fragt nicht viel nach der Qualifikation des Helfers oder nach möglichen anderen Angeboten der Hilfe, der macht sich erst recht keine Gedanken darüber, daß Hilfe ja auch in verschiedene Richtungen gehen kann. Betroffene stehen den Angeboten professioneller Helfer hilflos gegenüber, wenn sie nicht wissen, nach welchen Kriterien sie das eine vom anderen unterscheiden sollen. Und ebenso hilflos begeben sie sich dann in eine Therapie, liefern sich dem Therapeuten aus nach dem Motto: ich will hier raus, aber ich kann nicht, mach Du.

Vor diesem Hintergrund erscheinen Begriffe wie Dienstleistung, Verbraucher, Qualitätsnormen, Marktübersicht, Verbraucherinformation oder Verbraucherbewußtsein als abwegig. Auch das Verhältnis zwischen Therapeut und Klient ist in dieser Sichtweise klar definiert: der Therapeut erscheint als der Große, Mächtige, der Aktive, derjenige, der weiß, wo es lang geht, und der demzufolge die Verantwortung für die Hilfe übernimmt. Der oder die Stotternde ist eben hilflos, klein, schwach und natürlich passiv der Hilfe ausgeliefert, ohne relevantes Wissen über sich und sein/ihr Stottern und natürlich nicht in der Lage, irgendwelche Verantwortung für das zu übernehmen, was in der Therapie geschieht.

Sie finden dieses Bild überzeichnet, sogar von der Tendenz her völlig falsch, da - speziell für die Stottertherapie - ein Programm für Mißerfolge? Es wäre schön, wenn jeder das so sagen würde. Leider findet man ähnliche Einstellungen wie die oben dargestellte nicht nur bei Betroffenen, sondern auch noch bei einigen Therapeuten. Inzwischen haben allerdings viele Therapeuten erfahren, daß diese Einstellung zur Therapie für den Verlauf und den späteren Erfolg wenig nützlich ist, denn es war ihnen so kaum möglich, ihre Klienten dazu zu bewegen, selbst aktiv zu werden, sich für das eigene Verhalten und seine Veränderung in der konkreten Situation selbst verantwortlich zu fühlen. Und genau das sind die Bedingungen für den Erfolg einer Therapie.

Versteht man Therapie dagegen als eine Dienstleistung und den Klienten als Kunden, der diese Dienstleistung in freier Wahl für sich in Anspruch nimmt, dann verliert der Begriff Therapie etwas von seinem Mythos des selbstlosen Helfens und allem was oben sonst noch beschrieben wurde (ohne daß die Therapeuten ihre Ethik dabei einbüßen müßten). Therapeuten werden wieder zu normalen Menschen, Klienten gewinnen eine etwas angemessenere Einstellung zu sich selbst und der Bewältigung ihres Problems und das Verhältnis zwischen Therapeut und Klient ermöglicht beiden eine realitätsgerechte und produktive Herangehensweise an die gemeinsam formulierte Aufgabe. Wenn Sie sich hier intensiv über die verschiedenen Möglichkeiten der Stottertherapie informieren, dann haben Sie damit schon einen entscheidenden Schritt in diese Richtung getan: Sie haben selbst die Initiative ergriffen und sind auf dem Weg, zu einem Experten in eigener Sache zu werden. Sie zeigen damit genau die Einstellung zur Therapie, mit der Sie am meisten erreichen können. Vielleicht ist es interessant für Sie, sich Ihre ganz persönlichen Gedanken dazu zu machen, indem Sie sich die Frage beantworten:

Was ändert sich für mich an meiner Einstellung zur Therapie, zur Rolle des Therapeuten und zu meiner als Klient, wenn ich Therapie als eine Dienstleistung betrachte, die ich als Verbraucher für mich in Anspruch nehmen kann?
Wie nutze ich andere Dienstleistungen, wie plane ich z.B. meinen Urlaub (Wohnungsumzug, Hausbau, ...) und wie lassen sich meine Erfahrungen auf diesem Gebiet übertragen auf die Planung meiner Therapie? *3

Wenn Sie sich nicht gerade jeden Tag mit diesen Fragen auseinandersetzen, werden Sie die Antworten sicher nicht gleich parat haben, sondern einige Zeit brauchen, damit sich Ihren Gedanken und Empfindungen entwickeln können. Nehmen Sie sich ruhig diese Zeit. Die Beschäftigung mit den folgenden Fragen wird noch den einen oder anderen Aspekt hinzufügen, den Sie später nachtragen können.

Zurück zum Seitenanfang

2. Therapie - warum gerade jetzt?

Was sagen Sie dem Therapeuten, wenn er sie fragt, warum Sie zu ihm kommen? Für viele Therapeuten ist das gar keine Frage. Wenn jemand da sitzt und stottert, dann will er oder sie natürlich sein/ihr Stottern loswerden. Auch für viele Stotternde steht ihr Problem Stottern so im Vordergrund, daß sie gar nicht auf die Idee kommen, etwas anderes als ihr Stottern behandeln zu lassen. Sie erwarten, daß der Therapeut sich alleine auf ihr Sprechen konzentriert und ihnen entsprechende Hilfen anbietet und sind erstaunt, wenn im Gespräch mit dem Therapeuten auch noch andere Dinge eine Rolle spielen.

Weiteres nachfragen läßt den Grund für Ihr Interesse noch deutlicher werden:

Warum wollen Sie gerade jetzt (wieder) etwas an Ihrem Stottern tun, wo Sie doch schon mindestens seit 15 (20, 30) Jahren stottern?

Hierzu kann man sich die verschiedensten Antworten einfallen lassen. Tun Sie das für sich. Ich will nur einige Beispiele nennen:

1. ich finde mit meinem Stottern keine Arbeitsstelle;

2. ich kann mich meinen Kollegen gegenüber nicht durchsetzen;

3. ich habe in 14 Tagen Prüfung und will dann fließend sprechen;

4. ich traue mich nicht, eine Frau/einen Mann anzusprechen;

5. ich will nicht mehr alleine sein;

6. mein(e) Partner(in) will sich von mir trennen, wenn ich nicht endlich etwas gegen mein Stottern tue.

Bevor Sie jetzt weiterlesen, sollten Sie ein Blatt Papier zur Hand nehmen und alle Gründe aufschreiben, die Sie gerade jetzt dazu veranlassen, eine Therapie aufzusuchen. Noch besser ist, Sie legen sich gleich einen Ringhefter an und überschreiben ihn mit „Meine Stottertherapie“. Das ist wirklich wichtig, wenn Sie von diesem Buch profitieren wollen! Ohne einen solchen schriftlichen Begleiter werden Sie in Ihrer Therapie nicht weit kommen (zur Notwendigkeit des schriftlichen Vorgehens vergleiche z.B. Lazarus & Fay 1982,).

Ich gehe davon aus, daß Ihnen mehr eingefallen ist als nur der Satz: „Ich will mein Stottern loswerden“.  Die Gründe, die Sie jetzt aufgeschrieben haben, sind ganz entscheidend sowohl für Ihre Motivation, die Sie in die Therapie mitbringen, als auch für die Erwartungen, die Sie an den Therapeuten haben. Um dies zu verdeutlichen, gehen Sie bitte einmal alle von Ihnen genannten Gründe durch und fragen sich dabei:

Werde ich auch dann noch daran interessiert sein, etwas an meinem Stottern zu tun, wenn die von mir genannten Gründe entfallen sind?

Ich will diese Frage einmal auf die oben aufgeführten Beispiele beziehen:

Wie stark bin ich noch daran interessiert, an meinem Stottern etwas zu tun, wenn ich:

1. eine Arbeitsstelle gefunden habe, in der mein Stottern keine Rolle spielt oder gar noch begrüßt wird, weil mein Chef auch stottert;

2. durch ein entsprechendes Training gelernt habe, mich auch mit meinem Stottern gegenüber meinen Kollegen zu behaupten;

3. durch entsprechende Unterstützung des Therapeuten gelernt habe, meine Prüfung auch mit Stottern zu bestehen;

4. durch Kontakt zu verschiedenen Frauen im Rahmen meiner Therapie und durch entsprechende Rollenspiele und Gespräche mehr Erfahrung darin gewonnen habe, wie man überhaupt eine Frau ansprechen kann; wenn ich den Mut gefunden habe, dies auch außerhalb der Therapie zu verwirklichen, egal wieviel ich dabei stottere, und wenn ich auf diese Weise tatsächlich eine Partnerin gefunden habe;

5. durch eine entsprechende Therapie kontaktfreudiger geworden bin, einerseits mehr Erfahrung darin gewonnen habe, wie man Kontakte zu anderen Menschen herstellen kann, und andererseits auch den Mut aufbringe, trotz meines Stotterns auf andere Menschen zuzugehen;

6a. mir im klaren darüber geworden bin, daß ich mich sowieso von meinem Partner trennen will;

6b. mein Partner nach einigen Therapiesitzungen meinen guten Willen anerkennt und mit seinen/ihren Forderungen nachläßt, usw., usw..

In der Stotterer-Selbsthilfe machen wir vielfach die Erfahrung, daß Stotternde in eine Selbsthilfegruppe kommen und voll ehrlicher Überzeugung vorgeben, etwas an ihrem Stottern tun zu wollen, in Wirklichkeit aber lediglich daran interessiert sind, z.B. einen Partner zu finden. Dies ist ihnen selbst nur nicht genügend klar geworden. Nachdem sie dann einige Zeit in der Gruppe mitgearbeitet und sie nebenbei auch genügend Anregungen für ihr eigentliches Problem bekommen haben, erscheinen sie plötzlich nicht mehr in der Gruppe, obwohl sich an ihrem Stottern selbst noch nicht viel geändert hat. Rückfragen ergeben dann, daß sie ihr eigentliches Problem gelöst haben: sie haben einen Partner gefunden und das Stottern ist damit in den Hintergrund getreten. Was hier aus unserer Erfahrung als Selbsthilfe beschrieben wird, gilt in der Therapie genauso: Viele Klienten verlieren das Interesse an einer Stottertherapie, wenn das eigentliche Problem, mit dem sie zur Therapie kommen, entweder zu wenig berücksichtigt wird oder - im Idealfall - gelöst ist *4.

Eine Frau zu finden ist für viele jugendliche und erwachsene männliche Stotternde leider immer noch ein fast unlösbares Problem. Ich habe deshalb bewußt dieses Beispiel gewählt, um damit folgendes deutlich zu machen:

1. Wenn man stottert und ein Problem hat (siehe unsere Beispiele), dann liegt die Lösung dieses Problems nicht unbedingt darin, daß man sein Stottern loswerden muß. Es gibt eben auch viele Stotternde, die genauso in einer Partnerschaft leben wie andere Nicht-Stotternde auch. Freilich kenne ich noch keinen stotternden Nachrichtensprecher, aber man sollte auch nicht von einem Extrem ins andere fallen.

Daraus lassen sich die folgenden Fragen ableiten, die Sie für sich beantworten könnten:

Was ist das für mich vordringliche Problem, mit dem ich im Augenblick selber nicht klar komme und daß mir so stark unter den Nägeln brennt, daß ich die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nehmen möchte?

Ist tatsächlich mein Stottern die Ursache für dieses Problem oder wäre es auch denkbar, daß sich dieses Problem für mich lösen läßt, ohne daß sich an meinem Stottern direkt etwas ändert?

2. Wenn Sie jetzt feststellen müssen, daß das Stottern Sie zwar beschäftigt, daß Sie aber an sich ganz andere Gründe haben, weshalb Sie jetzt einen Therapeuten suchen, dann sollten Sie nicht erst den Umweg über das Stottern gehen, sondern sich direkt dem Problem zuwenden, das für Sie vordringlich ist, und entsprechende Lösungen anstreben.

Einige der Fragen, die Sie also für sich selbst beantworten sollten (je konkreter Sie dabei vorgehen, um so mehr werden Sie profitieren!):

Wenn mir mein Problem jetzt deutlich geworden ist, wie muß die Hilfe aussehen, die ich benötige und welche Therapie bzw. welcher Therapeut kann mir voraussichtlich am ehesten dabei helfen? - Erwarte ich Hilfen für den Umgang mit meinem Stottern oder erwarte ich z.B. eher (oder auch): Paartherapie, Selbstsicherheitstraining, Sozialtraining, konkrete Hilfen für meinen Berufsalltag, usw. usw..

Kann ich mein Problem in einer Weise formulieren, daß deutlich wird, welche Lösungen bzw. welche konkreten Ziele ich anstrebe? Kann ich für diese Lösungen oder Ziele bereits Zwischenschritte formulieren, die deutlich machen, welchen Stück des Weges ich bereits zurückgelegt habe, welche Richtung ich weiter einschlagen will und was ich als nächstes erreichen möchte? *5

3. Was für den Kaufmann als „Kosten-Nutzen-Rechnung“ eine alltägliche Sache ist, gilt genauso auch für jeden Klienten, der sich in eine Therapie begibt: Sie werden nur so lange richtig mitarbeiten wollen, wie der Nutzen, den sie selbst empfinden, größer ist als der Aufwand, den Sie leisten müssen (vergl. VAN RIPER, 1986, S. 23).

Die Fragen, die Sie sich stellen könnten, wären z.B.:

Wenn ich meinen Tageslauf betrachte: wie viele Minuten oder Stunden am Tag werde ich derart mit meinem Problem konfrontiert, daß es mich so belastet, daß ich etwas ändern möchte. Also: Wie stark leide ich wirklich unter meinem Problem und was bin ich bereit, für seine Lösung zu investieren?
Ist im Augenblick der richtige Zeitpunkt, um an Lösungen zu arbeiten, oder habe ich so viele andere Dinge zu tun, daß ich doch nicht die notwendige Energie aufbringen kann?

Sie werden sicher schon gemerkt haben, daß die Beschäftigung mit Therapie viel Zeit erfordert und das sogar schon, bevor die eigentliche Therapie begonnen hat. Dies ist vielleicht schon eine sehr wichtige Erfahrung, die Sie gewonnen haben, und die Sie berücksichtigen sollten, wenn Sie sich für eine Therapie entscheiden. Mit einer Therapie können sie ganz sicher viele Ihrer Ziele verwirklichen. Dies erfordert aber einerseits, daß Sie sich die Mühe machen, die Therapie zu suchen, die Ihren ganz persönlichen Bedürfnissen entspricht, und daß sie andererseits während der Therapie ihre eigenen Ziele mit dem notwendigen Einsatz verfolgen. Was damit im einzelnen gemeint ist, will ich im Folgenden erläutern.

Zurück zum Seitenanfang

 

3. Therapie - kann ich mir das leisten?

Ich gehe einmal davon aus, daß Sie durch die vorhergehenden Fragen darin bestärkt worden sind, eine Stottertherapie zu beginnen. Bevor Sie sich endgültig dafür entscheiden, sollten Sie die folgenden Punkte mit in Ihre Überlegungen einbeziehen:

Therapie kostet Zeit, Energie und Geld

Mit jeder Therapie ist ein erheblicher Aufwand an Zeit, Energie und Geld verbunden. Den Faktor Geld will ich hier nicht im einzelnen behandeln. Es ist klar, daß Therapeuten Geld verdienen wollen. In den meisten Fällen werden die Therapiekosten von dem jeweiligen Träger der Einrichtung finanziert oder von der Krankenkasse übernommen und zwar dann, wenn es sich um Therapeuten handelt, die von der Kasse zur Therapie zugelassen sind. Leider sagt diese Kassenzulassung nichts über die Qualität eines Therapeuten aus. In manchen Fällen werden Sie also auch selbst zahlen müssen. Je nach Art der Therapie oder Ausbildung des Therapeuten schwanken die Kosten für eine ambulante Therapiestunde zwischen 30,- und 100,- DM und darüber. Dabei können leicht Kosten in Höhe von 5000,- DM und mehr entstehen.

Die Faktoren Zeit und Energie haben Sie bereits zu spüren bekommen, wenn Sie den vorangegangenen Abschnitt sorgfältig bearbeitet haben. Ich will Ihnen jetzt einige Anhaltspunkte geben, damit Sie abschätzen können, was während der Therapie sowohl inhaltlich als auch zeitlich auf Sie zukommt. Es gibt zwar auch innerhalb der Stottertherapie viele unterschiedliche Richtungen und dementsprechend sind auch die Anforderungen an einen Klienten von Therapie zu Therapie sehr unterschiedlich (die einzelnen Therapieformen werden in einem gesonderten Kapitel ausführlich dargestellt). Trotzdem lassen sich einige Gemeinsamkeiten aufzeigen.

Wie verändert die Therapie meinen Zeit- und Energiekuchen?

Vielleicht überschlagen Sie einmal Ihren Tageslauf, so wie er sich gewöhnlich ergibt. Sie können in etwa die Zeiten festhalten und bestimmten Bereichen zuordnen: der Freizeit mit den Unterpunkten Familie, Freunde, Hobby, Fernsehen, usw., dem Haushalt, dem Beruf und was sonst noch bei Ihnen wichtig ist. Diesen ganzen Zeitrahmen kann man sich als eine große Torte vorstellen und die verschiedenen Bereiche darin als mehr oder weniger große Tortenstücke. Wenn Sie dies in der gewohnten Weise wieder schriftlich machen, haben Sie ein deutliches Bild Ihrer Zeitverteilung vor Augen und können abschätzen, wieviel Ihrer Zeit Sie der Therapie zur Verfügung stellen können.

In ähnlicher Weise können sie sich einmal vor Augen führen, wie Sie die Ihnen zur Verfügung stehende Energie verteilen, denn das muß nicht unbedingt mit der Zeitverteilung übereinstimmen. Es kann für Sie wichtig sein, daß Sie sich z.B. auch in Ihrer Freizeit häufig noch mit ihren Problemen aus Ihrem Berufsalltag beschäftigen, oder Sie können sich in wenigen Stunden in einem Bereich so verausgabt haben, daß Ihnen für den Rest des Tages kaum noch Energiereserven zur Verfügung stehen. Gerade in der ambulanten Therapie gibt es da ein Problem: die berufstätigen Klienten müssen ihre Therapiestunden meistens in den Feierabend legen, wenn sie eigentlich müde sind von der Arbeit. Wenn Sie hier schon eine sinnvolle Lösung für sich vorbereiten können, indem Sie ihre Zeit und Energie so verteilen, daß für die Therapie ein angemessenes Stück vom Kuchen übrig bleibt, dann leisten Sie damit schon einen ersten Beitrag für einen späteren Erfolg.

In einem Vorgespräch mit dem Therapeuten läßt es sich sehr schnell abklären, wieviel Therapiestunden pro Woche und wieviel Übungszeit darüber hinaus in welchem Zeitraum die Therapie erfordern wird und Sie können dementsprechend abschätzen, ob Sie diesen Aufwand verkraften können bzw. für die Dauer der Therapie auf andere Dinge verzichten wollen.

Die Frage des Energieaufwands ist etwas schwieriger abzuklären. Hier geht es auch um die Inhalte der Therapie, die Sie mehr oder weniger stark berühren und fordern können bzw. die Sie bewältigen müssen, wenn die Therapie den gewünschten Erfolg haben soll.

Therapie ist keine Waschanlage!

Therapie ist nicht vergleichbar mit einer Waschanlage, durch die man hindurchfährt und am Ende sauber bzw. geheilt wieder rauskommt, ohne sich selbst dabei besonders angestrengt zu haben. Therapie und insbesondere die Stottertherapie ist immer auch eine tiefgreifende Veränderung, sowohl beim Stotternden selbst, als auch in seinem engeren und weiteren Umfeld. Und diese Veränderung muß erst durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Stottern und allem was dazugehört erarbeitet werden. Dies vollzieht sich nicht nur während der Therapiestunde in Gegenwart Ihres Therapeuten, Ihrer Therapeutin. Das greift vielmehr auf ihren gesamten Alltag über und beschäftigt Sie während der Arbeitszeit und in geselliger Runde bei Ihren Freunden und sicher auch des öfteren noch nachts im Schlaf. Mit welcher Intensität diese Auseinandersetzung in das Alltagsleben eingreift, hängt unter anderem auch davon ab, wie stark der Alltag durch das Stottern geprägt ist.

Was bedeutet die Auseinandersetzung mit dem Stottern für mich?

Sehr viele Stotternde haben ihr Stottern weitgehend verdrängt, wollen es nicht wahrhaben, benehmen sich so, als sei es gar nicht da. Das mag paradox erscheinen, weil das Stottern in den meisten Fällen ja unüberhörbar ist. Trotzdem wissen die wenigsten Stotternden, was sie genau tun, wenn sie stottern, und wie sie sich dabei anhören bzw. wie sie dabei aussehen und auf ihre Zuhörer wirken. Viele haben sich mit ihrem Stottern arrangiert. Sie haben bewußt kein Telefon zu Hause, sie kämen gar nicht auf die Idee, auf der Straße einen Fremden anzusprechen, um ihn z.B. nach dem Weg zu fragen, oder in einer Gaststätte sich an einen Tisch zu setzen, an dem schon andere sitzen. Fragt man diesen Stotternden, wie er sich dabei fühlt, wenn das Stottern ihn bzw. er sich selbst in seinem Leben so einschränkt, wird man zuerst auf Unverständnis stoßen. Der Stotternde hat sich an sein Arrangement gewöhnt und nimmt die vielfältigen Vermeidungsstrategien, die er täglich anwendet, und die damit verbundenen Gefühle wie Angst, Beklemmung, Minderwertigkeit und Versagen gar nicht mehr wahr. Durch die Auseinandersetzung mit dem Stottern wird all dieses aber aus dem Verborgenen ans Licht geholt und die Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Das Problem wird dadurch subjektiv verschlimmert. Es geht dem Stotternden schlechter als vor der Therapie.

Dieser Prozeß vollzieht sich im wesentlichen zu Beginn einer Therapie. Die Folge davon ist häufig, daß Stotternde in dieser Phase der Therapie das Gefühl bekommen, mehr zu stottern als vorher. Dies mag tatsächlich zutreffen. Es kann aber auch lediglich eine Folge davon sein, daß man sich stärker auf sein Stottern konzentriert und es daher deutlicher wahrnimmt. Wenn man dies weiß, braucht man sich dadurch aber nicht weiter beirren zu lassen.

Um es noch einmal zu betonen: Ich erwähne dies nicht, um etwa Angst zu machen oder vor einer Therapie abzuraten - ganz im Gegenteil. Viele Stotternde machen eben die Erfahrung, daß sie durch die Therapie stark in Anspruch genommen werden. Das bedeutet, daß Sie im kritischen Fall den Zeitpunkt der Therapie besser auf eine günstigere Gelegenheit verschieben, eben dann, wenn es eng wird mit der zur Verfügung stehenden Energie bzw. wenn Sie absehen können, daß Sie in nächster Zeit unausweichlich auch anderweitig sehr viel in Anspruch genommen werden.

 

Zurück zum Seitenanfang

 

4. Therapie - wie weit will ich Veränderung?

Mit einer Stottertherapie sind nicht nur Veränderungsprozesse verbunden, die der Stotternde mit sich in seinem stillen Kämmerlein bewältigen kann. Was sich da verändern soll, muß vor allem auch nach draußen treten, muß sich in der Auseinandersetzung mit der Umwelt bewähren. Je nach der Therapieform bzw.. je nach den unterschiedlichen Schwerpunkten in den einzelnen Phasen einer Therapie werden hier unterschiedliche Bereiche angesprochen. Es geht im wesentlichen um zwei Dinge:

a) Veränderung des Sprechverhaltens

Gewohnheiten lassen sich nur durch eine bewußte Gegensteuerung verändern.

Stottern ist für den Stotternden in gewisser Weise auch eine gewohnte Sprechweise. So schwer es auch sein mag, das Stottern als etwas zu akzeptieren, das zu einem selbst gehört, so schwer fällt es andererseits aber auch, in einer Weise zu sprechen, wie man es bisher nicht gewohnt ist. Dies gilt insbesondere für die verschiedensten Sprechtechniken (Legato, Metronom-Sprechen, Hausdörfer-Methode, usw.), die jeweils erfordern, daß der sonst Stotternde in einer künstlichen Sprechweise spricht, die von der „Normalsprache“ - wie immer sich die auch anhören mag - abweicht *6. Aber auch in anderen Verfahren, die auf eine direkte Veränderung des Sprechverhaltens gerichtet sind, läßt sich diese Veränderung zumindest in der Anfangsphase nicht ohne eine bewußte Steuerung der Aussprache erreichen. Das bedeutet: der Stotterer *7 muß sich ständig kontrollieren, ständig bedacht sein, die einmal gelernte Sprechweise auch anzuwenden. Dies geht zwangsläufig auf Kosten des spontanen Ausdrucks, zumindest so lange, bis die neue Sprechweise zur neuen Gewohnheit geworden ist .

Raus aus dem Therapiezimmer -
das Gelernte im Alltag anwenden.

Damit die neue Sprechweise zur Gewohnheit werden kann, ist es natürlich notwendig, sie nach Möglichkeit vom Aufstehen bis zum Zubettgehen konsequent anzuwenden. In verschiedenen Seminaren der Stotterer-Selbsthilfe, die zum Teil über mehrere Tage bis zu einer Woche dauern, haben wir das bereits probiert. Dabei zeigt sich immer wieder, daß es überhaupt kein Problem ist, einem Stotternden mit Hilfe einer Sprechtechnik zu ermöglichen, ohne Stottern zu reden. Das erfordert oft nur wenige Stunden. Das Problem entsteht dann, wenn die einmal gelernte Sprechtechnik auch draußen angewendet werden soll: beim Bäcker, wenn man seine Brötchen holt, in seiner Familie, am Arbeitsplatz, usw. (eingehendere Darstellung siehe *5). An diesem Punkt fängt die Therapie erst an und hier ist der Therapeut gefragt, mit seinen Hilfen zur Seite zu stehen. Hier geht es darum, die Schwierigkeiten des Stotternden bei der Anwendung der gelernten Technik zu erkennen und schrittweise abzubauen, ihm zu helfen eine nützliche Einstellung zu der Art des Vorgehens zu gewinnen, Erfolge zu erkennen und an ihnen zu wachsen.

Wie reagieren die Zuhörer?

Eine wesentliche Schwierigkeit besteht darin, die Reaktion der Zuhörer auf die neue Sprechweise einschätzen zu können. Bei seinem bisherigen Stottern, da weiß man schließlich, was man hat. Jede neue Verhaltensweise, die man ausprobiert, macht zuerst einmal unsicher.

Diese Situation betrifft allerdings nicht nur den Stotternden selbst, sondern auch sein soziales Umfeld, in dem er als Stotternder bekannt ist, seine Familie, seine Bekannten, seine Kollegen. Auch hier wird man erst einmal die Veränderung registrieren und sich fragen, was denn wohl passiert ist. Und wenn es bei dieser Veränderung bleibt, d.h. wenn der Stotternde seine Therapie auch draußen konsequent weiterverfolgt, dann wird sich seine Umwelt möglicherweise völlig neu auf ihn einstellen müssen. Ich werde im Folgenden noch näher darauf eingehen. Hier sei bezogen auf das reine Sprechverhalten lediglich schon einmal festgehalten, daß jede Veränderung, die man an bzw. mit sich selbst vornimmt, auch ihre Auswirkungen auf die Reaktionen der Umwelt hat. Dies sollte man bereits mit einplanen, wenn man sich zu einer solchen Veränderung entschließt.

Auch in diesem Zusammenhang ist es nützlich, wenn Sie sich Ihre eigene Situation vor Augen führen, indem Sie sich entsprechende Fragen überlegen und selbst beantworten. So z.B.:

Habe ich schon  einmal versucht, mir lieb gewordene Gewohnheiten an mir selbst zu verändern? Welche Erfahrungen habe ich dabei gemacht und kann ich diese Erfahrungen für die Therapie nutzen?

Wie konsequent kann ich eine Sache verfolgen? Welche Möglichkeiten sehe ich, in meiner Umgebung Bedingungen zu schaffen, die mir ein konsequentes Arbeiten an meinem Stottern erleichtern?

Wieviel macht es mir aus, in der Öffentlichkeit oder bei meinen Freunden, usw. durch ungewöhnliches Verhalten (oder durch besondere Kleidung oder was auch immer) aufzufallen? Kann ich mir vorstellen, durch eine mir selbst ungewöhnliche Sprechweise aufzufallen und dies sogar zu genießen?

b) Veränderung des Sozialverhaltens

Es sind zwei verschiedene Dinge: erstens wie ich stottere und zweitens wie ich mit meinem Stottern umgehe. Dementsprechend sind Stotternde sehr verschieden: die einen ziehen sich wegen ihres Stotterns stark zurück, die anderen lassen sich durch ihr Stottern im Kontakt mit anderen kaum behindern. Die sozialen Verhaltensweisen verschiedener Stotternder und die Anforderungen, die eine Therapie an sie stellt, sind dementsprechend sehr unterschiedlich. Trotzdem will ich einmal der Frage nachgehen:

Was passiert, wenn ich plötzlich nicht mehr stottere?

Nicht nur das Stottern ist zur Gewohnheit geworden, auch der Umgang mit dem eigenen Stottern, die Arrangements, die man getroffen hat, sind in Fleisch und Blut übergegangen. Dies gilt nicht nur für den, der stottert, sondern auch für diejenigen, die es mit einem Stotternden zu tun haben und die sich auf die verschiedensten stillschweigenden Vereinbarungen eingestellt haben. Nicht mehr zu stottern kann entscheidende Veränderungen nach sich ziehen, die über das eigentliche Sprechen weit hinausgehen. Ich will nur einige Beispiele nennen, die durchaus nicht aus der Luft gegriffen sind, obwohl es für jemanden, der nicht mit der Problematik des Stotterns vertraut ist, so erscheinen mag.

  Ein Stotternder (es sind zwar nicht immer die Männer die Stottern, aber bleiben wir einmal dabei) ist verheiratet. Mit seiner Frau besteht das stillschweigende Abkommen, daß immer sie ans Telefon geht, daß sie die Behördengänge erledigt, sich beim Elternsprechtag für die Kinder einsetzt, usw. Sie ist es auch, die die Gäste unterhält, wenn Besuch da ist, während der Mann lediglich das eine oder andere interessante Stichwort liefert, das von seiner Frau aber aufgegriffen und ausgeschmückt wird. Ich will diese partnerschaftliche Rollenverteilung hier nicht noch weiter ausschmücken und erst recht nicht bewerten. Es ließe sich weiter spekulieren, wie es wohl zu der Partnerschaft gekommen ist und ob nicht das Stottern und die damit zusammenhängende Rollenverteilung quasi die Eintrittskarte für das gemeinsame Eheglück darstellte, usw., usw.. -

Es ist leicht einzusehen, daß eine Veränderung des Stotterns, so erwünscht sie auch für alle Beteiligten sein mag, eine Veränderung des gesamten Familienlebens nach sich zieht und dies sicher nicht ohne Widerstände der übrigen Beteiligten. Familien sind Systeme, die nach innen durch die Beziehungen ihrer Mitglieder klar strukturiert sind. Wie alle anderen Systeme auch tendieren Familien dazu, sich möglichst nicht zu verändern, denn jede Veränderung zieht Unsicherheit nach sich, bereitet Schmerzen und - macht einfach Arbeit. Werden die Widerstände gegenüber der notwendigen Veränderung zu groß, bleibt dem Stotternden nur die Möglichkeit, entweder munter weiterzustottern und seine bisherige Rolle beizubehalten (viele tun dies tatsächlich!) oder eine Trennung von seiner Familie in Kauf zu nehmen (auch das passiert in vielen Stottertherapien!). Um diesen Prozeß bereits frühzeitig steuern und Mißerfolgen oder Therapieabbrüchen vorbeugen zu können, halten es manche Therapeuten für notwendig, gleich zu Beginn der Therapie auch die Partner mit einzubeziehen. Es scheint sinnvoll zu sein, Stottertherapie auch um die Aspekte der Familientherapie und des systemischen Denkens zu erweitern, denn die Veränderung eines Individuums vollzieht sich nie ohne eine entsprechende Veränderung des Systems, in dem es seine Bezüge hat.

Sie können sich zu diesem Bereich selbst wieder einige Fragen überlegen, die Ihnen Ihre ganz persönliche Situation verdeutlichen helfen, wie z.B.:

In welcher Weise und in welchem Ausmaß ist die Beziehung zu meinem Partner (zu meinen Eltern, Kindern, sonstigen Lebensgefährten) durch den Umgang mit meinem Stottern geprägt? Welche einzelnen Situationen fallen mir hierzu ein?
In welchem Maße bin ich dabei der Prägende oder sind es mehr die anderen, die die Situation prägen? Wie sieht das mein Partner (Eltern, Kinder, ...)?
In welcher Weise wirkt sich das konkrete Verhalten in einer solchen Situation auf die persönliche Beziehung zu meinem Partner aus: wird sie dadurch enger, abhängiger, herzlicher, intimer oder wie sonst?
Wie würde ich mich in den genannten Situationen verhalten, wenn Stottern für mich kein Problem wäre?
Wie verändert sich dadurch das Bild, der Gesamteindruck dieser Situationen?
In welcher Weise wird sich die Beziehung zu meinem Partner (...) verändern, wenn ich nicht mehr stottere bzw. wenn ich mich durch mein Stottern nicht mehr behindern lasse und dadurch anders verhalte?
Inwieweit ist mein Partner (...) bereit, diese Veränderung mitzutragen? Was glaube ich, wie sieht er das?

  Ein Stotternder hat sich einen relativ festen Bekanntenkreis aufgebaut. Auch hier bestehen mehr oder weniger festgeschriebene Rollenverteilungen: es gibt den Wortführer, denjenigen, der sich eher zurückhält und an andere anschließt, usw.. Vielleicht sind Sie als Stotternder bekannt - und vielleicht auch beliebt - als jemand, der eher zuhört als daß er selber etwas sagt, der nur selten widerspricht, sich nur selten mit einer konträren Meinung hervortut. Genauso wie oben bereits beschrieben kann sich diese Rollenverteilung durch eine Stottertherapie völlig verändern. Der Stotternde wird öfter seine Meinung sagen und sich auch durchsetzen wollen. Er wird dabei in Kauf nehmen müssen, daß er aneckt, daß er kritisiert wird. Er wird merken, daß er es bislang nicht gewohnt ist, mit anderen heftiger zu diskutieren, daß ihm diesbezüglich noch einiges an Erfahrung und Übung fehlt. Er wird sich daran gewöhnen müssen, verstärkt in die kleinen Machtkämpfe verwickelt zu werden, die in jeder Gruppe ablaufen, und dabei auch nicht geschont zu werden. Seine Position in der Gruppe wird sich verändern, man wird ihn mit anderen Augen ansehen. Alte Freunde werden den guten Zuhörer vermissen und vielleicht nicht bereit sein, auf die neue Rollenverteilung einzugehen. Im Extrem werden neue Interessen entstehen, die einen neuen Bekanntenkreis nach sich ziehen.

Die Fragen, die in diesem Zusammenhang auftauchen, sind die gleichen wie die zuvor, nur auf einen größeren Personenkreis, ein anderes System  bezogen. In gleicher Weise lassen sie sich auch auf die Situation am Arbeitsplatz übertragen, denn auch hier wird sich vieles verändern, wenn sich das Stottern bzw. die Einstellung dazu verändert. Ich empfehle Ihnen, für alle Systeme, in denen Sie zu Hause sind, entsprechende Fragen zu formulieren und sich selbst zu beantworten. Und dann ist es nicht mehr weit zur Beantwortung der folgenden Fragen:

In welcher Weise und in welchem Ausmaß präge ich mein gesamtes Leben durch meinen Umgang mit meinem Stottern?
Was geht in mir vor, wenn ich mir bewußt mache, in welchem Maße ich mein Leben durch mein Stottern bestimmen lasse?
Inwieweit bin ich bereit, die Konsequenzen zu tragen, wenn ich an meinem Stottern etwas ändere bzw. mich auch dafür verantwortlich zu fühlen, wenn ich nichts ändere?

Spätestens hier wird deutlich, daß Stottertherapie nicht etwas sein kann, was mal eben so in 14 Tagen abzuhandeln ist. Stottertherapie ist ein Prozeß, der vielleicht nicht einmal in einer einzigen Therapie zu vollziehen ist, auch wenn sie sich über ein ganzes Jahr erstreckt. Möglicherweise benötigt man mehrere Therapien, mehrere Entwicklungsstufen, um die Ziele zu erreichen, die man anstrebt. Voraussetzung für eine solche Entwicklung ist allerdings, daß man - Pausen eingerechnet - ständig am Ball bleibt und dabei spürt, wie man weiterkommt. Nicht wenige Stotternde haben eine solche Entwicklung schon an sich selbst erfahren, indem sie sich seit etlichen Jahren in der Selbsthilfe engagieren. Die Motivation hierfür muß man sich aber erst erarbeiten, die kommt nicht von selbst. Ich will im Folgenden etwas näher darauf eingehen.

Zurück zum Seitenanfang

 

5. Therapie - wie erhalte ich meinen Erfolgswillen?

Wenn man sich die Zeit vor Augen führt, die eine Stottertherapie in Anspruch nimmt, dann ist nicht zu erwarten, daß ein Stotternder immer mit derselben hohen Einsatzbereitschaft bei der Sache ist. In der Anfangsphase einer Therapie zeigt es sich, daß manche Klienten aus dem Gefühl heraus, sich nach langem Ringen nun endlich zur Therapie entschlossen zu haben, sich voll in das Geschehen stürzen und gleich alles auf einmal erreichen wollen. Es dauert dann nicht lange und die Puste geht aus. Es stürmt so viel Neues auf den Klienten ein, daß er es gar nicht anders bewältigen kann, als sein Tempo etwas zu reduzieren.

Eine weitere Schwierigkeit mag dann auftreten, wenn die Therapie den Reiz des Neuen verloren hat, die erste Faszination vorüber ist und es sich zeigt, daß Stottertherapie mit Arbeit verbunden ist. Es können Phasen in der Therapie auftreten, in denen es nicht so schnell weitergeht, sowohl weil es inhaltlich schwierig werden kann als auch weil die Motivation, die Energie auch mal nachläßt. In diesen Phasen einer Therapie verliert man leicht den Glauben an mögliche Erfolge, vergißt vielleicht sogar die ursprünglichen Gründe für den Beginn der Therapie und die damit verbundenen Ziele oder kommt zu der Erkenntnis, daß es so schlimm mit dem Stottern ja eigentlich gar nicht ist (vergleichbar zu der Überzeugung, daß die Kirschen, die man am Baum nicht erreichen kann, sicher sauer sind).

Hier ist einerseits der Therapeut gefragt, Ihnen die notwendige Unterstützung zu geben. Gerade an diesem Punkt erweist sich die Qualität eines Therapeuten, denn die Fähigkeit, seinen Klienten der jeweiligen Situation entsprechend motivieren zu können, ist eine wesentliche Voraussetzung des Therapieerfolgs (vergl. Van Riper 1986, S. 21 f). Hier reicht die vielfach noch praktizierte Aufforderung des Therapeuten: „Nun üb mal schön!“ einfach nicht aus.

Andererseits können Sie aber auch selbst dafür sorgen, daß Sie auf diese „Durststrecken“ vorbereitet sind und sich Ihren Erfolgswillen erhalten. Suchen Sie sich z.B. Freunde, auf die Sie in kritischen Phasen zugehen können (hier haben unsere Selbsthilfegruppen eine sehr wichtige Funktion). Vielleicht halten Sie es auch für sinnvoll, allen Ihren Bekannten zu erzählen, daß sie eine Stottertherapie machen und welche konkreten Aufgaben Sie sich jeweils vorgenommen haben. Auf diese Weise spüren Sie vielleicht eine stärkere Verpflichtung, das anzuwenden, von dem sie erzählt haben. Ihnen fällt aber bestimmt noch mehr ein, wie sie sich selbst motivieren können oder welche Bedingungen sie brauchen, um auch mit dem nötigen Spaß an die Sache heranzugehen.

Ähnlich wie man bei einer schwierigen Bergtour die einzelnen Etappen im voraus plant, können Sie sich vielleicht schon jetzt die entsprechenden Fragen stellen und beantworten. So etwa:

Unter welchen Bedingungen bin ich besonders produktiv und erfolgreich? Habe ich es schon erlebt, daß ich so fest an meinen Erfolg geglaubt habe, daß ich ihn dann auch herbeiführen konnte? Was muß gegeben sein,damit ich selbst von meinem Erfolg überzeugt bin? Wodurch lasse ich mich motivieren, mich voll und ganz für eine Sache einzusetzen? Wann macht mir das Arbeiten besonders viel Spaß, so daß es fast wie von selbst geschieht? Wie lassen sich diese Bedingungen auf meine Arbeit an meinem Stottern übertragen?

Welche Erfahrungen habe ich bisher mit „Durststrecken“ gemacht, was brauche ich, um sie durchzustehen? Kann ich diese Erfahrungen auf schwierige Phasen in meiner Therapie übertragen? Wie kann ich mir auch anderweitig die notwendige Anerkennung für meine Arbeit am Stottern zusichern, falls die direkten Erfolge aus dieser Arbeit mal etwas dürftiger werden?

Was könnte mich in meiner Motivation zur Therapie behindern oder ablenken? Wodurch könnten notwendige Energien anderweitig abgezogen werden? Wie könnte ich dem schon jetzt vorbeugen?

Ich kenne durch meine Tätigkeit in der Stotterer-Selbsthilfe viele Stotternde und viele davon sind Perfektionisten. Ich selbst ertappe mich immer wieder dabei, an bestimmten Punkten zu gründlich zu sein, während ich andere Dinge einfach laufen lasse. Man kann auch die Vorbereitung auf eine Sache übertreiben, sich so darin verbeißen, daß kaum noch Energie übrig bleibt, wenn es um die Sache selbst geht. Hier hat jeder seine eigenen Erfahrungen. Positive Vorbilder einer guten Vorbereitung lassen sich im Sport beobachten. Hier wurde - insbesondere im Tennis - der Begriff „Couching“ geprägt, der inzwischen auch im Bereich der Therapie zu finden ist (vergl. hierzu das interessante Buch von Josef Weiß, s.u.). Couching geht weiter als das reine Training, es reicht inhaltlich bis hin zur umfassenden Lebensberatung. Auch im Sport und insbesondere bei Spitzenleistungen geht es darum, sich innerlich auf das Ziel einzustellen und bis in die Einzelheiten aller Lebensbereiche gehend die besten Bedingungen für gute Ergebnisse zu schaffen. Wenn es Ihnen gelingt, hier Ihre eigenen Vorbilder zu finden und Ihre Therapie als eine sportliche Herausforderung zu betrachten, dann sind Sie auf dem besten Weg und ich kann Ihnen nur noch einen guten Erfolg wünschen!

Zurück zum Seitenanfang

 

6. Literatur:

Zur weiteren Vertiefung in den hier behandelten Fragen sei außer den im Verlag der Bundesvereinigung Stotterer- Selbsthilfe e.V. veröffentlichten Büchern die folgende Literatur beispielhaft empfohlen:

Enkelmann, Nikolaus B.: Ich kann, was ich will. Ein klares Ziel und Ausdauer garantieren Erfolg. (Motivations-Cas­sette) MGV-Moderne Verlagsgesellschaft mbH, Landsberg 1988

Fiedler, Peter A. (Hrsg.): Psychotherapieziel Selbstbehand­lung. Edition Psychologie, Weinheim 1981

Kirschner, Josef: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. Knaur, München 1978

Lazarus, Arnold: Innenbilder. Imagination in der Therapie und als Selbsthilfe. Pfeiffer, München 1977

Lazarus, Arnold & Fay, Allen: Ich kann wenn ich will. Anleitung zur psychologischen Selbsthilfe. Klett-Cotta, Stutt­gart 1982

Maultsby, Maxie C. & Klärner, J.P.: Praxis der Selbstberatung bei seelischen Problemen. Herder, Freiburg 1984

Riper, Charles van: Die Behandlung des Stotterns. Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V., Solingen 1986

Watzlawick, Paul: Anleitung zum Unglücklichsein. Pieper, München 1983

Weiß, Josef: Selbst-Coaching. Persönliche Power und Kompetenz gewinnen. Junfermann, Paderborn 1990

Weiss, Thomas: Familientherapie ohne Familie. Kurztherapie mit Einzelpatienten. Kösel, München 1990

Wendlandt, Wolfgang: Zum Beispiel Stottern. Stolperdrähte, Sackgassen und Lichtblicke im Therapiealltag. Pfeiffer, München 1984

Zum Autor:

Hans-Werner Stecker, geboren 1946,  ist zur Zeit als klinischer Psychologe und Psychotherapeut in einer psychiatrischen Klinik tätig. Er ist selbst Stotterer, war von 1982 bis 1989 Geschäftsführer der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe, hat die erste Bundesgeschäftsstelle der Stotterer-Selbsthilfe aufgebaut und war über mehrere Jahre als Leiter des Demosthenes Institutes der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. tätig. Er hat in dieser Funktion wesentlich zur fachlichen Qualifikation der Selbsthilfe beigetragen und leitete in diesem Rahmen auch Seminare für Stotternde und für Fachleute. Seine therapeutischen Schwerpunkte sind Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, systemische oder Familientherapie, Hypnotherapie.

Ihre Meinung:

Bitte schreiben Sie mir.  * Ihre Mail

 

Zurück zum Seitenanfang

 


*1  Mit diesem Beitrag hat der Autor seine "Fragen zur Therapie" aus dem Therapieratgeber der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. von 1986 neu bearbeitet.

*2  Der Versuch, im Text beiden Geschlechtern gerecht zu werden, führt in der deutschen Sprache leider zu Formulierungen, die jedem Sprachgefühl zuwiderlaufen und darüber hinaus das Verständnis erschweren. Der Autor hat sich deshalb entschieden, die bisher übliche männliche Form der Formulierung zu verwenden, und bedauert es sehr, weibliche Leser dadurch nicht in gleicher Form ansprechen zu können. 

*3 In der Hypnotherapie entspricht diese Vorgehensweise dem Prinzip der Utilisation oder der Nutzbarmachung von Erfahrungen in anderen Bereichen für die Lösung von Problemen (s.z.B. GILLIGAN, Stephen: Therapeutische Trance. Das Prinzip Kooperation in der Ericksonschen Hypnotherapie. Heidelberg 1991, S. 178f). Ich werde Ihnen diese nützliche Vorgehensweise noch öfter anbieten.

*4  vergl. STANG, Helmut: Problemorientierte Behandlung erwachsener Stotternder. in: Kattenbeck & Springer: Stottern und Stimme. München 1984

*5 Es ist zwar interessant und sicher auch notwendig, sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen, aber es ist nützlicher, sich mit der Entwicklung von Lösungen zu beschäftigen (vergl. De SHAZER, Steve: Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie. Heidelberg 1989 oder GILLIGAN, a.a.O.: S. 188f).

*6  Die Sprechtechnik wird hier quasi "über das Stottern gestülpt", wobei sich das "Stottern" (das Sprechen selbst wie auch die Einstellung zum Stottern in Verbindung mit den Ängsten) an sich nur wenig verändert, also wieder zum Vorschein kommt, wenn die Sprechtechnik nicht mehr angewendet wird. Vergl. STECKER, Hans-Werner: Der Patient ist der Arzt, der Arzt ist nur der Helfer. in: dgs - Landesgruppe Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Förderung Sprachbehinderter: Modelle und Perspektiven. Wartenberg & Söhne, Hamburg, 1989, (417-436), insbesondere die Darstellung der Problematik des "Überstülpens" durch eine Sprechtechnik, S. 422f.

*7  Hier wird das Wort "Stotterer" unumgänglich, denn es handelt sich um einen Menschen, der aktuell zwar nicht stottert - eben weil er eine Sprechtechnik anwendet - und dementsprechend auch nicht als "Stotternder" zu bezeichnen ist, der aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit wieder in seiner ganz persönlichen Weise stottert, wenn er das sichere Terrain der Technik verläßt - vergleichbar z.B. einem "Autofahrer", der seine automatisierte Fähigkeit zu fahren auch dann behält und im gegebenen Kontext (z.B. als Beifahrer) wie ein Autofahrender empfindet (sogar entsprechend reagiert), wenn er selbst gar nicht hinter dem Lenker sitzt.