Hans-Werner Stecker:

Selbsthilfe geht nicht von selbst

von der Idee über die Motivation  

zur Fähigkeit und zur Praxis  

der Selbsthilfe

Selbsthilfe wird oft verstanden als ein Gegensatz zur Therapie. Dies mag stimmen oder auch nicht. 

Unter einer guten Therapie verstehe ich immer auch eine Unterweisung in Selbsthilfe. Und eine gute Selbsthilfe nutzt das Wissen und die Erfahrungen aus der Therapie. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Dies sind meine Erfahrungen speziell aus der Stotterer-Selbsthilfe, die ich sowohl in meiner Rolle als Teilnehmer in Selbsthilfegruppen wie auch als Seminarleiter in vielen Seminaren mit Stotterern und Fachleuten der Stottertherapie gewonnen habe.

Wenn Betroffene in eine Selbsthilfegruppe kommen, dann haben sie in der Regel die Vorstellung: "Hier wird mir geholfen!"

Hier besteht dann kein sehr großer Unterschied zur Therapie, wo Patienten oft zum Therapeuten kommen mit der Vorstellung:  "Machen Sie mir das weg!" 

Leider sind dies nicht sehr nützliche Vorstellungen - weder für die Selbsthilfe noch für die Therapie. Eine der ersten wichtigen Erfahrungen, die jemand in der Selbsthilfe und in der Therapie machen muss, besteht in der Erkenntnis:

1. Die Bereitschaft zur planvollen Veränderung

2. Eine "systematische Vorgehensweise" 

Was ich darunter verstehe, sei im folgenden in einigen Punkten kurz angerissen. Ich beziehe mich dabei auch auf meinen Therapieratgeber. Die Bereitschaft zur planvollen Selbsthilfe und die systematische Vorgehensweise werden bezogen auf die Therapie des Stotterns sehr anschaulich am Beispiel Wursttheke erläutert. Dieses Beispiel lässt sich selbstverständlich auch auf andere Störungsbereiche übertragen.

1. Die Bereitschaft zur planvollen Veränderung

  • Aus dem "laufen lassen" und der täglichen Routine heraus kommen und Abstand gewinnen mit dem Ziel, die Dinge betrachten zu können; 

  • Die Dinge beschreiben, die mich stören oder quälen

  • sich Klarheit darüber verschaffen, was vorrangig, wichtig und erstrebenswert ist

  • Voraussetzungen schaffen, die planvolles Handeln ermöglichen:

    • geeignetes Erklärungsmodell für das Problem finden
      oder besser für den Weg, der zur Lösung führt

    • Bewußtsein der Eigenverantwortlichkeit: 
      Ich mache mir mein Problem selbst oder:
      Wenn ich Angst vor "Hunden" habe (wenn ich stottere, depressiv bin, usw.),
      dann kann nur ich meine Angst (mein Stottern, meine Depression) bewältigen.
      Ich muss den Weg zur Lösung selbst gehen (auch wenn jemand mir den Weg zeigen oder mich dabei begleiten mag)

    • von der Ablenkung zur Hinwendung zum Problem und seiner Lösung:
      Angst vor Problemen abbauen durch die Erinnerung an eigene Ressourcen, die mir in der Vergangenheit bei der Lösung anderer Probleme hilfreich waren und die mir jetzt auch zur Verfügung stehen; 
      Erlebnis der Veränderbarkeit aus eigener Vergangenheit und am Beispiel Anderer; 
      aus der Hilflosigkeit und Passivität heraus zur aktiven Auseinandersetzung; 
      Konfrontation mit der Realität, Aufdecken von Vermeidungsstrategien, Abbau von Schonräumen. 

  • Die notwendige Zeit und Energie für die Erarbeitung von Lösungen bereitstellen
    (Ballast abwerfen, Tageslauf und Energieverteilung auf das Ziel orientieren)  
  • Abwägen von Aufwand und Ertrag
    Welcher Einsatz ist wahrscheinlich erforderlich, um das Ziel zu erreichen?
    Ist mir die Lösung des Problems diesen Einsatz wert?
  • Erarbeiten und Akzeptieren einer neuen Identität
    In welcher Weise werde ich mich verändern, wenn ich mein Problem gelöst habe?
    Will ich so sein? Wie wird mein Umfeld reagieren? Will ich das?
  • Aufsuchen geeigneter Partner und Helfer
    (Selbsthilfegruppe, Therapeuten, Bezugspersonen, usw.)
  • 2. Eine "systematische Vorgehensweise" 

    Die Dinge verwirklichen, für die ich mich entschieden habe. In einem eher eng gefassten verhaltenstherapeutischen Verständnis bedeutet dies:

  • Selbsthilfefähigkeit erarbeiten:

  • das "know how" für die Bewältigung meines Problems lernen
    oder besser: für das Erreichen meiner Ziele

  • Selbsthilfe praktizieren:

  • Aus dem Modell über die Bedingungszusammenhänge konkrete Teilschritte ableiten, die den jeweiligen Fähigkeiten entsprechen und aufeinander aufbauend zu einer schrittweisen Annäherung an das Ziel führen

  • Rückblende: Gegenüberstellung von erwartetem und tatsächlichem Erfolg der Bemühungen
    Einschätzung der Brauchbarkeit des Erklärungsmodells und des daraus abgeleiteten Handlungsplans,
    gegebenenfalls Neuorientierung
  • Das Ergebnis einer geplanten und erfolgreichen Selbststeuerung führt zur Erfolgsgewissheit und damit zur Motivation, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Daraus entwickelt sich eine Problemlösungskompetenz.

    Leider ist dieser Weg nicht immer so einfach, wie er hier aus einer eher engen verhaltenstherapeutischen Sicht dargestellt ist. Nicht ohne Grund gehören auch andere therapeutische Sichtweisen für mich dazu, wenn es um Therapie geht. Vielleicht sind hier aber die Grenzen der Selbsthilfe gegenüber der Therapie. Sie sind insbesondere dort, wo mir z. B. meine Denkweisen so in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass ich sie selbst bei mir gar nicht mehr in Frage stellen kann, weil ich sie gar nicht bewusst wahrnehme. Auch meine familiären Beziehungen und das Umfeld, in dem ich lebe und das mich prägt sind mir in der Regel nicht bewusst. Sie werden es z.B. erst dann, wenn ich meinen gewohnten Rahmen für einige Zeit verlasse (z.B. in Urlaub fahre) und dann zurückkehre. Erst dann nehme ich einen Teil von dem wahr, was ich sonst nicht wahrnehme, was aber trotzdem immer da ist und auf mich wirkt. Dies sei nur ein kleiner Hinweis.

    Auf der anderen Seite bietet die Selbsthilfe etwas, was durch Psychotherapie in der Form nicht so ohne weiteres zu erreichen ist: Die Erfahrung, durch Selbsthilfe alleine oder auch mit anderen Probleme zu bewältigen ist eine ungeheure Schubkraft für die weitere Motivation und auch für das Selbstbewußtsein.

    Zur Home-Seite von Hans-Werner Stecker                         

          zum Seitenanfang