Depression

Historische Entwicklung

Affektive Erkrankungen wurden bereits in der Antike präzise beschrieben und von HIPPOKRATES im 4. Jahrhundert v. Chr. als Melancholie und Manie bezeichnet. Humorale Störungen der schwarzen Galle (griechisch: melaina choläe) und gelben Galle sind nur eine unter vielen Vorstellungen, die man sich zur Entstehung dieser einschneidenden seelischen Erkrankungen machte. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dezidiert beschrieben, daß Patienten zwischen depressiven und gehobenen Stimmungslagen „zy-klieren" können, was JULES FALRET zu dem Terminus „folie circulaire" veranlaßte. KAHLBAUM führte 1880 den Begriff der Zyklothymie ein, um zu verdeutlichen, daß Manien und Melancholien unterschiedliche Zustände nur eines Krankheitsbildes darstellen. Diese Sichtweise wurde von KRAEPELIN Ende des 19. Jahrhunderts akzentuiert, der den Begriff des „manisch-depressiven Irreseins" einführte und postulierte, daß auch unipolare Depressionen unter dieser Krankheitseinheit zu subsumieren seien.

Später wurden all diese Erkrankungen als affektive Psychosen bezeichnet, und zwar unabhängig von ihrem Schweregrad. Zur Abgrenzung gegenüber den schizophrenen Psychosen wurde hervorgehoben, daß sie jeweils nach Abklingen der einzelnen Phasen ad integrum ausheilen. Beide Erkrankungen, d.h. „manisch-depressives Irresein" und Schizophrenien, wurden als endogene Psychosen benannt. Durch den Endogenitätsbegriff wurde eine körperliche, d. h. auf heredo-konstitutionelle Faktoren beruhende Ursache unterstellt, die zumindest bis heute jedoch noch nicht nachgewiesen werden konnte. Die endogenen Psychosen wurden somit nicht im Kausalzusammenhang mit belastenden Erlebnissen gesehen.

Leichteren depressiven Störungen wurde nicht der Status eigentlicher Krankheiten zugesprochen, sondern sie wurden, etwa von KURT SCHNEIDER, als „Spielarten der Norm" den sogenannten Hintergrund- oder Untergrunddepressionen sowie den depressiven Reaktionen zugeordnet. Der Begriff der Neurose, der eng mit psychoanalytischen Konzeptionen amalgamiert ist, fand in die deutsche Psychiatrie nur zögerlich Eingang.

In den 60er Jahren verdeutlichten Familien- und Verlaufsstudien, daß unipolare Depressionen entgegen früheren Vorstellungen doch von bipolaren Erkrankungen abgegrenzt werden müssen. Untersuchungen etwa von LEONARD, PERRIS und ANGST führten dazu, daß ausschließlich depressive Erkrankungsphasen als sogenannte unipolare endogene Depressionen oder Melancholien klassifiziert und von bipolaren endogenen Psychosen abgegrenzt wurden. Insbesondere im deutschen Sprachraum wurden dabei weiterhin die Begriffe Endogenität und Melancholie mit dem Begriff Psychose gleichgesetzt.

Im angloamerikanischen Sprachraum setzte sich jedoch durch, nur dann von psychotischen Depressionen zu sprechen, wenn diese mit Halluzinationen, Wahnideen oder massiven Beeinträchtigungen des Realitätsbezugs einhergehen. Außerdem wurde der Begriff der Zyklothymie völlig neu definiert. Während im deutschen Sprachraum lange Zeit bipolare affektive Erkrankungen mit Zyklothymien gleichgesetzt wurden, werden damit in den aktuellen Diagnoseschemata chronifizierte, leichte Krankheitsbilder bezeichnet, bei denen sowohl die depressiven als auch die gehobenen Stimmungsphasen nicht das Vollbild einer Depression bzw. Manie erreichen.

Auch der Bereich der nicht-endogenen Depressionen fand in den 60er Jahren mehr Beachtung. Insbesondere der Begriff der neurotischen Depression wurde zunehmend im klinischen Alltag und in wissenschaftlichen Untersuchungen verwendet. In der Diagnostik setzte sich eine Dichotomisierung zwischen endogenen Depressionen einerseits und neurotischen bzw. reaktiv-situativen Depressionen andererseits durch. Dabei wurde in der Regel davon ausgegangen, daß es sich hierbei um zwei klar abgrenzbare Krankheitseinheiten (mit bimodaler Häufigkeitsverteilung) handelt. Das heißt, die Genetik, die Symptomatologie, der Verlauf, aber auch die Ätiopathogenese und Therapierbarkeit beider Krankheitsgruppen wurden als eindeutig unterscheidbar erachtet.

Diese Sichtweise wurde in den letzten zehn Jahren weitgehend verlassen. Umfangreiche Studien zu allen genannten Bereichen ergaben mehr Überschneidungen und Gemeinsamkeiten als Differenzen zwischen den unterschiedlichen Depressionsformen. Das heißt, sogenannte neurotische und reaktive Depressionen zeigen bei detaillierter wissenschaftlicher Analyse in Genetik, Symptomatologie, Epidemiologie, Verlauf und Ansprechen auf unterschiedliche Therapieverfahren keine entscheidenden Unterschiede zu den sogenannten endogenen oder früher auch als autonom bezeichneten Depressionen.